Mein aller liebster Tag

 

Ein halbes Jahr ist wieder um, zum Glück. Die Zeit scheint rückwärts zu laufen, wenn man sich auf etwas freut und auf ein bestimmtes Ereignis hin fiebert. Doch irgendwann kommt dann endlich der Tag der Tage.
Meist freue ich mich schon Wochen zuvor darauf, trage es in meinem Dienstplan ein, rot, fett und doppelt unterstrichen.
Meine Kollegin und mein Chef werden informiert, dass ich an diesem einen ganz besonderen Tag etwas früher Schluss machen werde um mich zu Hause noch frisch und schick machen zu können.
Kaum dort angekommen, schlüpfe ich ruck zuck aus meinen Sachen, werfe die Hose in die Ecke, Pullover auf den Boden. Mein moderner Duschkopf erstrahlt in einem kräftigen rot. Das bedeutet für mich nicht, still zu stehen und auf den herannahenden Zug zu warten, sondern, dass ich mich mit meinem Duschwasser sieden könnte. Ich bevorzuge dann doch eher ein leuchtendes grün und eine gemäßigtere Temperatur und schwinge mich dann behände in die Duschkabine. Den Duft von Vanille und schwarzen Perlen verteile ich großzügig auf meiner Haut, von Kopf bis Fuß eingehüllt in eine lustige Wolke aus Schaum.
„Jetzt aber hurtig“ sage ich mir, „ich möchte doch nicht zu spät kommen, an diesem wichtigen Tag.“. Raus aus der Dusche, in die frische Kleidung geschlüpft, ein parfümiert von Kopf bis Fuß. Die Zahnbürste geschnappt und heiter darauf losgeputzt. Von Rot auf Weiß, von rechts außen oben nach links außen oben, von links innen oben nach rechts innen oben. Von rechts außen unten nach links außen unten und von links innen unten nach rechts innen unten. Jedem meiner makellosen, weißen Zähnchen wird ganz besondere Aufmerksamkeit geschenkt, immerhin haben sie meinen Eltern damals ein Vermögen gekostet und mich acht Jahre lang entstellt.
Hurtig rein in meinen blauen Flitzer, ich habe eine längere Fahrt vor mir. Ich steige voll ins Gas, es tut sich nichts. Na dann tuckere ich halt hinter all den Sonntags- und Hutfahrern her, ein hurtiges Überholmanöver ist mit fehlender Pferdestärke undenkbar.
Nach einer nervenaufreibenden Stunde Fahrt bin ich endlich an meinem Ziel angekommen. Nur noch einen Parkplatz in der Nähe finden und es kann schon fast losgehen.
Ich schreite mit großen, stolzen Schritten durch die Fußgängerzone, strecke mich, mache eine gute Figur auf meinen, nennen wir sie mal, High-Heels.
Die Türe des großen, grauen Hochhauses nähert sich, ich nehme schon den Duft des Schuhgeschäftes wahr, welches sich im Parterre des Hauses befindet. Es ist weniger ein Duft als vielmehr der Gestank von tausenden von Füßen die sich bei einer Affenhitze in jedes Modell quetschen.
Doch das ist für mich zweitrangig. Ich erfasse den Griff der großen schweren Glastür, stemme mich dagegen und trete in den Flur. Ich muss in den zweiten Stock. Stufe für Stufe fühle ich, wie sich Nervosität in mir aufbaut, gleich einer Wendeltreppe, die sich um einen Turm windet steigt dieses Kribbeln in mir hoch.

Endlich stehe ich vor der Eingangstüre. Mir kommt auch schon ein Mann entgegen. Die Farbe in seinem Gesicht gleicht der eines Geistes, fast durchsichtig, weiß mit einem Schimmer blau, fahl hängen seine Wangen und er hat Mühe, die Augen offen zu halten.
Ich habe kein Mitleid, meine Freude überwiegt und erst recht, als ich den weißen, hellen, freundlichen Raum betrete. Große Fenster laden die Sonne förmlich ein, die zahlreichen Zimmer zu durchfluten. Das strahlende Weiß an den Wänden verstärkt den Effekt. Es riecht sauber, ein leichter Zitrus-Minze-Duft steigt mir in die Nase.
So muss es im Himmel sein, denke ich bei mir und gehe auf eine Dame zu, die sich hinter einem Computerbildschirm versteckt hat.

 

„Grüß Gott, mein Name ist Reitmaier Anna, ich habe hier um 17:00 Uhr einen Termin!“. „Hallo Anna, schön, dass du da bist. Nimm bitte noch einen kleinen Moment Platz, ich rufe dich dann.“
In Form des Buchstaben U stehen in einem weiteren, offenen Raum ein paar Sitzgelegenheiten, gemütliche Ledersessel, die zum Herumlungern und Verweilen einladen.
Kaum habe ich jedoch Platz genommen, wird schon mein Name aufgerufen und ich werde von einem in weiß gekleideten Engel in den Nebenraum geführt. Ich nehme auf einem Stuhl Platz und sehe im rechten Augenwinkel bereits den Grund meiner Freude: ein wunderschöner Mann, schwarzes Haar, ein Lächeln wie aus einer Zahnpasta-Werbung und Lachfältchen, da würde jede Frau zerfließen. Er fasst mir an die Schulter, streichelt mich zärtlich, beugt sich zu mir vor und fragt: „Na Frau Kogler, wie geht’s uns denn?“. Mit einem heiteren Zittern in der Stimme antworte ich leise: „Sehr gut Herr Doktor, aber nur wenn Sie mir versprechen auch heute nicht zu bohren!“.