Vier auf einen Streich

 

Seit ich denken kann war ich nie wirklich der sportliche Typ. Ich startete eine vielversprechende Karriere als Langlauf-Star, doch die ging recht zügig den Bach hinunter, da mir ein roter, heißer Kopf und Schweißausbrüche missfielen. Als ich irgendwann genauso breit war wie hoch, beschloss ich etwas zu ändern.
Da es dicken Menschen bekanntlich sehr schwer fällt zu laufen, fiel das schon mal weg. Auch auf dem Fahrrad zu sitzen versetzte mich nicht in blankes Entzücken, deshalb entschied ich mich zu gehen, walken und zu wandern.
An einem sonnigen Wochenende im Oktober vor einigen Jahren, beschloss ich eine Reise ins Salzuburger-Land zu unternehmen und mir dort ein paar Berggipfel vorzuknöpfen.
Voller Tatendrang schwang ich mich ins Auto, tippte im Navi „Zentrum Großarl“ ein und fuhr los. Nach zweieinhalb stündiger Fahrt endlich angekommen, checkte ich in das erst beste Haus ein, welches mir auf meinem Weg untergekommen war. Ich hatte nicht besonders viel Lust und keine Geduld mir eine günstigere Unterkunft zu suchen, deshalb gönnte ich mir in einem 4* Haus etwas Luxus.
Das Mädchen an der Rezeption stattete mich mit einer Wanderkarte aus, welche ich, im Zimmer angekommen, auch sogleich studierte. Die vier Berggipfel mit den wohlklingendsten Namen sollten meine Ziele für den nächsten Tag werden. Ich schlenderte hinunter zu dem netten Mädchen am Empfang und fragte voller Euphorie: „Ist diese Tour in fünf bis sechs Stunden für mich zu schaffen?“ – „Ja aber natürlich.“ antwortete sie voller Zuversicht und ohne zu zögern. Zu diesem Zeitpunkt war mir noch nicht klar, dass dies eine ausgefuchste, hinterlistige und dreiste Lüge war.

 

Früh morgens meinen Wanderrucksack gepackt, ging meine Reise los. Sie führte mich zuerst durch den Ort Großarl, dann eine steile Forststraße den Berg hinauf.
Nach ungefähr einer Stunde Marsch bemerkte ich ein Stück vor mir auf der steinigen Schotterpiste eine braune, zottelige Gestalt. Sie stand regungslos da, starrte mich an und mir kam sofort der Gedanke: „Scheiße, ein Bär!“.
Ich verharrte. Er auch. Ich ging ein paar Schritte auf ihn zu. Er auch. Wieder blieb ich stehen. Er auch. Mir wurde Angst und Bang, wie sollte ich mich verhalten, wenn ich in der Wildnis auf einen echten Bären treffe? Irgendwann wurde es dem Zotteltier zu blöd mich, als seine potentielle Beute, einfach nur anzustarren, zum Jagen war es offensichtlich auch zu faul und es trottete in ein nahegelegenes Waldstück. Ich traute mich jetzt wieder langsam dem Weg weiter zu folgen. An der Stelle angekommen, wo der Bär in den dichten Bäumen verschwand, schaute ich mich sorgfältig um. Mein Blick wanderte zaghaft nach rechts, und da stand er!
„Hihi, ich Trottel!“, lachte ich, während ich in die Augen eines kleinen Hochland-Kälbchen mit langem, braunem, zotteligem Fell schaute.

Doch ich konnte nicht weiter ausharren, ich musste mich sputen, denn der Weg bis zu meinem ersten Gipfel war noch weit und führte mich über Skiabfahrten, vorbei an Liftstationen über Bäche und Flüsse endlich an mein erstes Ziel.


Das kleine dicke Mädchen, bereits gezeichnet von dem langen, anstrengenden Marsch nahm neben dem Gipfelkreuz Platz. Ein Apfel aus meinem Rucksack diente mir zur Stärkung und noch nie zuvor, durfte ich etwas derart köstliches verzehren. Laut schmatzend genoss ich das gute Stück und schenkte den Vöglein sogar noch den Apfelbutzen.
Vollends motiviert und wieder bei Kräften machte ich mich nach kurzer Rast auf, den nächsten Berggipfel zu bezwingen.
Minuten vergingen, Stunden und Meter für Meter klapperte ich die von mir vorher festgelegte Route ab.
Auf dem letzten Gipfel sitzend, liegend, beinahe sterbend, fast am Verdursten blickte ich auf die Uhr und errechnete mir, dass ich schon geschlagene sieben Stunden unterwegs war. Klug wie ich bin wusste ich, dass sieben Stunden schon mehr als fünf oder sechs waren. Der Abstieg stand mir jedoch erst noch bevor.
Und wenn ich den Wegweisern Glauben schenken sollte, so würde dieser nochmals vier Stunden meiner Zeit und Kraft in Anspruch nehmen. Es half alles nichts, da musste ich jetzt durch. „Selbst schuld blöde Kuh, wieso stapfst du auch in Gegenden herum, wo du dich nicht auskennst und wieso zum Teufel mussten es gleich vier Gipfel an einem Tag sein? Bleds Mensch bleds!“, wie meine Oma früher immer so liebevoll sagte, wenn ich etwas angestellt hatte. Gut, dass ich alleine war, denn mit dem Abstieg des Berges, begann der Abstieg meines Verstandes.
Lethargisch trottete ich den schmalen Pfad hinunter. Es wurde immer schwieriger, meine kurzen dicken Beine anzuheben und so stolperte ich Schritt für Schritt den Berg hinab.


Nach einiger Zeit bemerkte ich, dass ich mich bereits mit mir selbst unterhielt. Geschichten, Gedichte, Kinderlieder, alles war gerade recht um mich von den Schmerzen und Qualen abzulenken.
Jedes bereits aus der Ferne leuchtende gelbe Hinweisschild bestätigte mich in meiner Befürchtung, dass meine Ankunft im Hotel erst elf Stunden nach meinem Aufbruch stattfinden würde.


Gefühlt Jahre später, erreichte ich meine Herberge, schleppte mich mit aller letzter Kraft hinauf in mein Zimmer, ließ heißes Wasser in die Badewanne laufen und lag fast eine Stunde, mein Würstl und Weckerl in der Wanne verzehrend, in irgendwann eiskaltem Wasser.
Heute erinnert mich ein von meiner Mutter erstelltes Höhenprofil mit zurückgelegten 1.509 Höhenmetern, 24,4 Kilometern Strecke und ein von mir eigens aufgenommenes Handy-Video des Abstieges an den aufregendsten Wanderausflug meines Lebens.